Wie geht es den Schülern heute?

Die Situation war für die ganze Schulgemeinschaft sehr belastend. Jede Familie ging nach der Schließung ihren ganz eigenen Weg. Die meisten Schüler besuchen mittlerweile andere Schulen in der Umgebung oder befinden sich nach erfolgreichen Abschlüssen in Ausbildungen. Manche Familien sind von Bayern weggezogen und besuchen demorkatische Schulen in anderen Bundesländern oder sind ins Ausland gezogen.

Immernoch sind einige Schüler über eine WhatsAppGruppe im regen Kontakt. Viele Freundschaften haben sich nach der Schließung vertieft. Manche Schüler treffen sich selbst nach 4 Jahren Schließung immer noch ab und zu an der Schule.

Was ist eigentlich 2016 passiert? Wieso hat die Regierung der Sudbury Schule Ammersee erst einen Tag vor Ferienbeginn mitgeteilt, dass sie die Schule nicht weitergenehmigt? Hat die Schule hier Fristen versäumt?

Nein!
Der Antrag auf Weitergenehmigung wurde fristgerecht bis zum 31.03.2016 gestellt. Die Regierung hat zum spätestmöglichen Termin (Ende Juli) reagiert, der Schule blieb keinerlei Spielraum. Juristische Vertreter der Schule haben sofort Widerspruch eingelegt und  einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz gestellt, mit dem Ziel, dass die Schule den Betrieb bis zum Hauptverfahren aufrecht erhalten kann.

Auch das Verwaltungsgericht hat erst unmittelbar vor Schulbeginn entschieden, der Schule keinen vorläufigen Rechtsschutz zu gewähren. Wie ist das zu bewerten?

Für uns war dies ein Schock! Die ganzen Ferien über hatten wir uns bereitgehalten, zu einer eventuellen Anhörung geladen zu werden. Dass dann plötzlich eine so schwerwiegende Entscheidung aufgrund der Aktenlage getroffen wurde, hätten wir uns nie vorstellen können. Wir waren uns sicher, dass man uns zumindest anhört, bevor man eine ganze Schulgemeinschaft auseinanderreißt.
Die Nachricht erreichte uns einen Tag vor Schuleröffnung. Noch am gleichen Tag forderte uns die Regierung auf, bis 17 Uhr mitzuteilen, an welchen Schulen die Kinder nun angemeldet sind. Auch wurde uns bereits am ersten Tag ein Bußgeld von 10 000 € angedroht, sollten wir die Schule wieder aufmachen. Da wurde mit einer unglaublichen Härte vorgegangen. Unterstützer und Experten aus ganz Bayern haben uns versichert, dass sie so etwas noch nie erlebt haben.

Die Vertreter der Regierung behaupten, dass die Schule Auflagen nicht eingehalten haben und Bildungsstandards nicht erreicht würden. Stimmt das?

Nein!
Die Schule hat sich an sämtliche Auflagen gehalten. Laut Genehmigungsbescheid muss sie nachweisen, dass sie in Bezug auf das Erreichen der bayrischen Bildungsstandards nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückbleibt. Dies wurde von Seiten der Schule für die Behörden ausführlich dargestellt und belegt:
 
1. haben wir detaillierte Berichte über die Lerninhalte und Lernfortschritte jedes einzelnen Schülers abgegeben. Von der Regierung waren hier immer wieder neue Forderungen gekommen, bis aber auch sie schließlich erklärt hatte, dass die Berichte formal wie inhaltlich ausreichend sind! Schriftliche Aussagen hierzu liegen vor. Aus den Berichten geht klar hervor, wie und welche Bildungsstandards durch selbstbestimmtes Lernen z.B. bei Lernverabredungen, durch informelles Lernen, vielfältige Projekte, Spielen, Teilnahme an demokratischen Prozessen oder Kommunikation erreicht werden. 


Betonen möchten wir, dass diese Art der Dokumentation für uns ein Kompromiss ist, den wir eingegangen sind. Wir haben den Behörden ausführlich dargelegt, wie und was alles an unserer Schule gelernt wird. Das ursprüngliche Sudbury-Konzept sieht keine Dokumentation und Beurteilungen von außen vor, es sei denn, die Schüler wünschen dies ausdrücklich. Wir respektieren die Privatsphäre der Schüler. Mit Genehmigung durch die Schüler (SV) erstellten wir die individuellen Berichte für die Behörden. 

Prinzipiell sehen wir, dass Lernen immer und überall stattfindet und eine Vielzahl von Lernprozessen von außen nicht einmal sichtbar ist. Beispielsweise konnte einer unserer Schüler plötzlich lesen, obwohl er dies nicht aktiv geübt hatte.
Das Sudbury-Konzept vertraut darauf, dass die Schüler alle Fertigkeiten erlernen, die wichtig sind, um in unserer Gesellschaft Erfolg zu haben. Lesen, Schreiben, Rechnen und viele andere Dinge gehören dazu.

 

2. hat sich die Sudbury Schule Ammersee wissenschaftlich begleiten lassen - auch dies war Bestandteil der Genehmigung. In den Berichten der Wissenschaftlerin wird sehr konkret auf das Erreichen von Bildungsstandards eingegangen. Sie zeigt auf, wie die Bildungsstandards im alltäglichen Leben erreicht werden und erreicht werden können. 


3. haben sich schon zwei Schülerinnen bei uns auf ihren Abschluss (Quali) vorbereitet und ihn auch erfolgreich an der Partnerschule in Rott abgelegt. Jetzt im ersten Schließungsjahr haben 3 weitere Schüler ihren Abschluss bestanden, zwei davon waren dieses Jahr nicht in der Schule und haben sich selbstbestimmt und selbständig darauf vorbereitet. 


4. gibt es sogar Schüler, die an der Sudbury Schule sehr viel leistungsfähiger sind, als an ihrer alten Schule. Manche sehen sich überhaupt erst wieder in der Lage, die Schule zu besuchen, nachdem es ihnen an ihrer vorherigen Schule aus unterschiedlichen Gründen schlecht ging, sie teilweise in psychologischer Behandlung waren. Auch begannen z.B. Schüler mit Diagnose "Legasthenie" und Lernblockaden, sich freiwillig wieder mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen. 

Für uns ist aber auch nicht stimmig, wenn Schule ständig auf das Lernen von Bildungsstandards reduziert wird. Für uns geht es bei Schule um viel mehr: um echte Selbst- und Mitbestimmungsrechte, um menschliches Wachsen und Gemeinschaft.

Wenn man bei den gesetzlichen Regelungen bleibt und vorallem auch Artikel 1 des bayerischen Erziehungs- und Unterrichtswesen in Betracht zieht (Wissen und Können vermitteln, sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden..) dann erfüllt die Sudbury Schule Ammersee diesen ganzheitlichen Ansatz weit mehr im Gegensatz zum Regelschulsystem.

 

Muss sich die Regierung denn auch an Auflagen halten?

Die Sudbury Schule Ammersee konnte nur genehmigt werden, weil hier ein besonderes pädagogisches Interesse vorliegt. Die Regierung als Schulaufsichtsbehörde wäre in der Verantwortung gewesen zu überprüfen, ob die Schule dieses einhält. Dies ist nicht passiert.

Wichtige Aspekte des besonderen pädagogischen Interesses:
1. Demokratie als soziale Lebensform ( konsequent demokratische Strukturen, gleichberechtigte Teilhabe aller Schulmitglieder an der Entscheidungsfindung und allen Angelegenheiten die Schule betreffend, Schulversammlung als höchstes Organ)
2. Konsequente Selbstbestimmung und selbstbestimmtes Lernen 
3. konsequente Altersmischung aller „Jahrgangsstufen"
 
Hier hätte die Regierung Fragen wie diesen nachgehen müssen:

- Haben die Schüler wirklich ein gleichberechtigtes Stimmrecht bei allen
Entscheidungsfindungen? 
Entscheiden die Schüler wirklich über ihre Lerninhalte und Ziele, über Formen und Wege? 
Wie profitieren die Schüler in einer altersgemischten Umgebung voneinander, auch in Bezug auf die Bildungsstandards?

Wie finden Wahlen statt? Delegiert die Schulversammlung Aufgaben und verteilt Verantwortlichkeiten?  
Wie werden die Schüler von den Mitarbeitern unterstützt? Wie ist die Beziehung zwischen Schülern und Mitarbeitern?
Fördert die Schule all die sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeiten, Respekt, Solidarität, Toleranz, Konfliktlösungsfähigkeit?
Ist der Raum für intrinsisches wie informelles lernen gegeben und wird dieses unterstützt?

Keiner dieser Fragestellungen gingen die Regierungsvertreter nach. 

Was sagt das Kultusministerium zu der ganzen Sache?

Im Vorfeld der Schuleröffnung hatte es ein Treffen im KuMi gemeinsam mit Regierungsvertretern, Vertretern der Schule und dem israelischen Experten für demokratische Bildung, Yaacov Hecht gegeben, den die Schulvertreter hierfür eigens aus Israel eingeladen hatten. Das Treffen war sehr konstruktiv und sowohl die Vertreter des Kultusministeriums als auch der Regierung waren damals interessiert. 
Im Schließungsjahr haben wir eine Offenheit durch das Ministerium erfahren, sich mit uns auseinanderzusetzen. Auch wurde in den Verhandlungen der Vorschlag eines Schulversuchs mit eingebracht. Wir haben uns dann intensiv, auch rechtlich damit beschäftigt und ein Konzept ausgearbeitet, welches vorsah, den Schulstart von internationalen Wissenschaftlern sowie Forschern der LMU und staatlichen Inspektoren begleiten zu lassen. Das hochkarätige Team war bereits aufgestellt und könnte jederzeit wieder aktiviert werden. Mehr an Transparenz und Begleitung geht kaum – dennoch lehnten die Behörden erneut ab. Nähere Informationen Schulversuchsantrag 

 
Wie konnte es überhaupt zu dieser Eskalation kommen?

Die Schulgründer hatten unglaublich viel Zeit und Energie darauf verwendet, in Bayern überhaupt eine Sudbury Schule eröffnen zu können. Vom Zeitpunkt der Vereinsgründung bis zur Eröffnung der Schule sind neun Jahre (!) vergangen, in denen viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht wurde und auch die Kontakte zu den Regierungsvertretern gepflegt wurden.
Nachdem die Schule eröffnet hatte, herrschte noch Offenheit in der Regierung. Wie schon im Vorfeld schlugen die Schulgründer immer wieder Brücken und luden nationale wie internationale Vermittler ein. Darunter die Professoren Ulrich Klemm und Gregor Lang-Wojtasik sowie der britische Experte für demokratische Bildung, Derry Hannam. Nachdem es hier von Seiten der Regierung anfangs eine Bereitschaft zur Kooperation gab, änderte sich dieses gegen Ende des ersten Schuljahres. Was zu diesem Zeitpunkt passiert ist, ist nach außen unklar. Mag sein, dass die Regierungsvertreter der Mut verließ. Auch ein Sachbearbeiterwechsel spielt hier sicher eine große Rolle! Sicher für uns ist, dass Voreingenommenheit, mangelder Respekt für ein andersartiges Konzept und Misstrauen, dass Schüler selbstbestimmt lernen können, entscheidend mitwirkten.


Die Regierung hat damals den Ton verschärft und es kam zu dem in der Pressemitteilung bereits geschilderten Schulbesuch, bei dem sich jener Vertreter völlig übergriffig und vorurteilsbehaftet verhalten hat. Es fielen Äußerungen wie „Woanders lernst du doch besser!“ und „Das war doch kein richtiger Unterricht!“ Ein Schüler brach aufgrund der Befragung sogar zusammen. Wir sahen uns nun gezwungen, vor der bisherigen Linie des Brückenbauens und Kompromisse-Schließens abzuweichen. Zum Schutz der Kinder handelten wir und erteilten ein Hausverbot für den betreffenden Mitarbeiter.
Den Schulvertretern war klar, dass dies ein einschneidender Moment war. Eltern schrieben an die 15 Dienstaufsichtsbeschwerden, die allerdings alle von der betreffenden Abteilung und ausdrücklich von den betreffenden Personen selbst beantwortet wurden!

Warum hat die Schule Tests abgelehnt?

Unmittelbar, nachdem wir als Schule dem Regierungsvertreter das Hausverbot erteilt hatten und nachdem die Dienstaufsichtsbeschwerden rausgegangen waren, erreichte uns die Forderung, dass wir die Schüler testen lassen sollen! 

Festzustellen ist: Das Konzept sieht keine Testungen vor. Dennoch ist die Schulgemeinschaft nicht prinzipiell gegen Testungen. In einer vertrauensvollen Atmosphäre hätten wir uns vorstellen können, dass Schüler hier ohne Zwang teilnehmen. Im aktuellen Zusammenhang waren die Tests jedoch eindeutig als Replik auf das Hausverbot zu sehen. Die Schulgemeinschaft hatte nicht das Vertrauen, dass hier fair mit den Schülern umgegangen würde. Zu diesem Zeitpunkt noch haben die Schul-Vertreter übrigens erneut vorgeschlagen, Derry Hannam, Schulinspektor aus England mit viel Erfahrung mit demokratischen Schulen, zum Gespräch und begleitend zu Schulbesuchen einzuladen. Hierauf wurde nicht eingegangen.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Gerichtsverfahren?

Nachdem die Regierung den Antrag auf Weitergenehmigung der Sudbury Schule Ammersee abgelehnt hatte, hat der juristische Vertreter der Schule Widerspruch eingelegt und außerdem einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz gestellt, mit dem Ziel, dass die Schule den Betrieb bis zum Hauptverfahren aufrecht erhalten kann. Dieser Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz ist Ende 2016 vom Verwaltungsgericht abgelehnt worden. Verhandlungen, die im Frühjahr/Sommer 2017 mit dem Kultusministerium stattgefunden haben sind gescheitert. Der Neuantrag 2017 wurde abgelehnt. Auch der Antrag auf einen Schulversuch.

Das Hauptverfahren fand im Juli 2018 statt. Nach zwei langen Verhandlungstagen wurde die Klage gegen die Regierung von Oberbayern abgewiesen.
Die Schulvertreter haben sich entschieden, in Berufung zu gehen. Die erste Verhandlung hierzu hat am 25.10.19 stattgefunden. Ein Erörterungstermin im März. Ein weiterer Verhandlungstermin steht noch aus. (Stand Juli 2020)

Was passiert aktuell im Verfahren?

Wir geben nicht auf! Wir folgen unserer Vision und glauben an eine Wiedereröffnung. Das Berufungsverfahren ist ein Weg, den wir einschlagen.

Die erste Verhandlung des Berufungsverfahren empfanden wir als positiv. Die Richterin setzt sich u.a. für die Privatschulfreiheit ein. Es sind keine Konzeptänderungen erforderlich. Zudem wurde deutlich, dass die Regierungsvertreter kein Recht haben, sich in die pädagogischen Konzepte einzumischen. Das hat gut getan! Die Regierungsvertreter haben das Recht zu testen, wenn sie so für sich die Gleichwertigkeit feststellen möchten.

Wir haben dann einen auführlichen Antrag auf Neugenehmigung abgegeben, als Vorbereitung für einen weiteren Anhörungstermin. Dieser Termin, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, fand Anfang März 2020 statt und entwickelte sich leider nicht mehr so possitiv.

Die Regierung war mit großem Aufgebot gekommen: drei Vertretern, zwei Anwälten und weiteren drei Repräsentanten des Kultusministeriums. Was wir wirklich heftig fanden, dass unser mühsam entwickelter Antragsordner nicht einmal gesichet wurde. Schnell wurde auch deutlich, dass insbesondere das selbstbestimmte Lernen, also das Herz der demokratischen Bildung, von Regierungsseite weiterhin abgelehnt wird und Überprüfungen, Lernzielkontrollen ect. verlangt werden. Dass die Regierung sich nicht in die pädagogischen Konzepte einmischen darf, war bei diesem Termin nicht mehr so deutlich.

Die Richterinnen haben sich hier auch noch nicht final positioniert, aber uns die Auflage erteilt, das Konzept zu überarbeiten, nochmal deutlicher zu erklären, wie die Schüler lernen und welche Rolle die Lernbegleiter haben…


Es ist schwierig, die Dynamik der Verhandlung sehr viel konkreter zu beschreiben, da der Prozess ja noch weitergeht und vieles Interpretationssache ist, aber es fühlte sich nicht sehr gut an.

Aktuell überprüfen wir noch, wo wir eventuell Ergänzungen machen können. Klar ist, dass wir unserem Konzept – das vielfach in der Praxis erprobt ist - treu bleiben werden! Wann es mit der Verhandlung weitergehen und das Gericht entscheiden wird, hängt einerseits damit zusammen, wie schnell wir das Konzept erneut einreichen, aber natürlich auch mit der Terminvergabe des Gerichts in Zeiten von Corona.

Ja, und wir haben uns entschieden, die Sudbury Schule bis zur Wiedereröffnung neu zu beleben. Nähere Informationen

 

Wieso kann Bayern von der Sudbury Schule Ammersee profitieren?

Wir gehen seit Jahren für Vielfalt in der Bildung. Die Sudbury Schule Ammersee möchte einen Beitrag in dieser pluralistischen Bildungslandschaft leisten.
Das selbstbestimmte, demokratische Lernen, wie es hier gelebt wird, wird an unserer Mutterschule, der Sudbury Valley School, seit 50 Jahren mit Erfolg praktiziert, auch in anderen Ländern wie Israel und Frankreich boomen Sudbury-Schulen und finden große Beachtung.
Sudbury-Schüler lernen, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben, respektvoll und tolerant miteinander umzugehen, demokratische Werkzeuge zu nutzen. Sie lernen sich selbst kennen, sind kreativ, finden Lösungen, übernehmen Verantwortung – alles, was in dieser Zeit so dringend gebraucht wird.
Und: Aus einer Studie der Sudbury Valley School ging hervor, dass fast alle Absolventen mit ihrem Leben zufrieden sind. Wer würde sich dies nicht für sein Kind wünschen?