Schulgemeinschaft unter Schock

Pressemitteilung

 

Nach zwei Jahren erfolgreicher Schulpraxis soll die Sudbury Schule Ammersee, die erste demokratische Schule Bayerns, geschlossen werden.

Die 45 Schüler, Mitarbeiter und Eltern der Sudbury Schule Ammersee sind schockiert! Nach zwei Jahren erfolgreicher Schulpraxis hat die Regierung von Oberbayern den Betrieb der Sudbury Schule Ammersee nicht weiter genehmigt. Seit dem gestrigen ersten Schultag darf die Schule nicht mehr geöffnet werden!

Wichtig: Die endgültige Entscheidung des Verwaltungsgerichts München steht noch aus! Wann entschieden wird, ist noch nicht bekannt.

Protestdemo am ersten Schultag

Mit einer großen Demo protestierten Schüler, Mitarbeiter, Eltern und viele Unterstützer am Dienstag vor dem Kultusministerium in München gegen die Schließung ihrer Schule und überreichten dem Vertreter des Kultusministeriums, Bernhard Butz, ihr Protestschreiben. Im Gespräch mit Butz und seinen Mitarbeitern drückten sie ihre Betroffenheit und ihr Unverständnis aus und baten um Unterstützung. Eine 14-jährige Schülerin erklärte: „Es ging mir an meiner früheren Schule überhaupt nicht gut, ich war oft krank! Seit ich an der Sudbury-Schule bin, geht es mir richtig gut. Alle meine Freunde sagen mir, dass ich viel besser aussehe. Ich habe wieder richtig Lust zu lernen und dann lernt man doch auch viel intensiver! Im letzten Jahr habe ich ein Praktikum in einer Tierhandlung gemacht, die waren so begeistert von mir, dass sie gesagt haben, dass ich sogar einen Job bei ihnen haben könnte!“ Die Schließung der Schule wäre für sie „das Schlimmste, was passieren kann“.

Schüler, Eltern und Mitarbeiter sind bis ins Mark getroffen!

Der ablehnende Entscheid der Regierung hatte die Schule einen Tag (!) vor Beginn der Sommerferien erreicht. Unmittelbar darauf reichte die Schule gegen den Beschluss Klage ein. Jetzt, kurz vor Beginn des neuen Schuljahres, wurde der Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz vom Verwaltungsgericht München für die Schule überraschend abgelehnt! Die Schule erfuhr davon abermals erst einen Tag vor Schulstart. Die Regierung untersagte es ihr daraufhin unter Androhung einer Geldstrafe von 10 000 €, den Betrieb wieder aufzunehmen – auch, wenn das Hauptverfahren noch aussteht!

Schüler, Eltern und Mitarbeiter sind bis ins Mark getroffen! Die Schüler lieben ihre Schule, manche lernen hier zum ersten Mal glücklich und stressfrei, weil sie endlich ernst genommen werden, mitbestimmen dürfen und als Menschen behandelt werden. Auf die Schulgemeinschaft wartet nun eine unglaubliche Herausforderung: Es ist absolut unklar, wie die Schule bis zum Hauptverfahren finanziell überleben kann, nachdem bereits seit August jegliche Zuschüsse von Seiten der Regierung eingestellt wurden. Familien müssen mit der unklaren Rechtssituation leben, die Mitarbeiter haben noch keine Ahnung, wie sie über die Runden kommen sollen. Sudbury-Gründerin Gerlinde Rüdinger-Wagner sagt: „Aufgeben ist für uns keine Option! Aber alleine schaffen wir das nicht, das ist uns völlig klar. Wir können jetzt nur um Unterstützung bitten: Bitte helft uns alle: Aktiviert eure Netzwerke, nutzt eure Kontakte, unterstützt uns finanziell!“

Die Entscheidung der Regierung ist für sie vollkommen unverständlich, gerade in diesen Zeiten, in denen gelebte Demokratie und demokratische Werte wichtiger denn je sind. An der Sudbury Schule Ammersee ist Demokratie kein Unterrichtsfach, sondern gelebte Praxis. Schüler und Mitarbeiter entscheiden gemeinsam über alle wichtigen Dinge. So wird demokratische Teilhabe in der Tiefe verstanden und praktiziert.

Auch das selbstbestimmte Lernen, wie es an der Sudbury Schule Ammersee und weltweit an Sudbury Schulen mit viel Erfolg praktiziert wird, soll von der Regierung ganz offensichtlich ausgebremst werden. Gerlinde Rüdinger-Wagner: „Wir haben unsere Schule immer auch als Bereicherung für Bayern gesehen. An der Sudbury Schule werden innovative, gleichwohl international bewährte Wege der Bildung gegangen, von denen die ganze Gesellschaft profitieren kann.“ In anderen Ländern werden diese Zeichen ganz offensichtlich verstanden. So haben Sudbury-Schulen in Frankreich geradezu eine Hoch-Zeit. In jeder größeren Stadt wurden und werden neue Sudbury-Schulen gegründet, insgesamt gibt es derzeit mehr als 30 Gründungsinitiativen für demokratische Schulen.

Das Bestreben der Regierung von Oberbayern, die Sudbury Schule Ammersee zu schließen, wird von den Mitarbeitern der Schule als Aufbäumen des Systems gegen neue Wege der Bildung gesehen, als strukturelles Ausbremsen einer Bewegung, denn auch in Bayern haben sich einige Gründungsinitiativen gebildet, die ebenfalls Sudbury-Schulen eröffnen wollen! In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele dafür, wie solche Innovationen und neue Ideen ausgebremst werden sollten – und sich letztendlich gegen massive Widerstände durchgesetzt haben.

Schüler bricht nach übergriffiger Befragung durch Regierungsvertreter zusammen

Vorangegangen sind dieser Entscheidung mehrere Vorfälle:

Im April waren Regierungsvertreter zu einem Inspektionsbesuch an die Schule gekommen, der völlig aus dem Ruder lief: Lernsituationen wurden völlig übersehen, stattdessen wurde nur nach klassischem Unterricht gesucht. Es fielen Sätze wie „Das war doch kein richtiger Unterricht!“ oder „Woanders lernst du doch viel besser!“ Es wurden abfällige Bemerkungen über die Schule gemacht, die Schüler wurden in abwertender Weise ausgefragt, bis ein Schüler schließlich sogar zusammenbrach.

Obgleich sich eine der Vertreterinnen unmittelbar danach entschuldigte, bestritt die Regierung ihr Fehlverhalten im Nachgang vehement! Die Schule erteilte dem betreffenden Beamten zum Schutz der Kinder unmittelbar ein Hausverbot. Zahlreiche Eltern sowie die Mitarbeiter der Schule reichten Dienstaufsichtsbeschwerde ein, teilweise gingen sie damit bis zur Regierungspräsidentin. Unglaublich: Fast alle dieser Beschwerden wurden von der betroffenen Behörde selbst beantwortet – und abgeschmettert. Kein einziges Mal wurde die Schule zu den Vorfällen gehört. Mitarbeiter, Eltern und Schüler waren fassungslos, wie hier mit den Rechten von Bürgern umgegangen wird! Die Strategie der Regierung erinnert an die eines totalitären Staates: Es wird beharrlich und wiederholt behauptet, dass nichts passiert sei. Solange, bis es alle glauben. Dabei kann eine gesamte Schulgemeinschaft bestätigen, wie übergriffig und inakzeptabel der Schulbesuch verlaufen ist. Hierzu gibt es detaillierte Aussagen zahlreicher Schüler und Mitarbeiter!

Schulinspektor aus England bietet Unterstützung an

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Schulvertreter immer wieder versucht, wie bereits in ihrer langen, 9-jährigen Gründungszeit, Brücken zu bauen und Kompromisse zu suchen. Die im Genehmigungsbescheid festgelegten Forderungen, die Schule wissenschaftlich begleiten zu lassen und die Lerninhalte und -fortschritte der Schüler zu dokumentieren, wurde von Beginn an erfüllt. Den immer neuen Forderungen der Regierung in Bezug auf die Dokumentation wurde ebenfalls immer wieder nachgegeben, bis schließlich auch die Regierung erklärte, dass die Dokumentation nun ihren Vorstellungen entspräche. Auch wurden immer wieder kompetente Fachleute ins Gespräch gebracht, die die Regierung bei der Beurteilung der Schule hätten unterstützen können, allen voran Derry Hannam, ehemaliger Schulinspektor aus England, der viel Erfahrung mit demokratischen Schulen hat und der schon die Summerhill School in England erfolgreich bei dem Kampf gegen ihre Schließung unterstützt hat Anfangs zeigten sich die Regierungsvertreter offen für solche Angebote, ein erstes Treffen mit Derry Hannam fand statt, leider wurde auf das Angebot aber nicht weiter zurückgegriffen.

Nach dem katastrophalen Schulbesuch verschärfte die Regierung ihren Ton zunehmend, wollte plötzlich die Schüler testen – ohne jegliche Vorbereitungszeit, ließ die Schule ihre Macht spüren. Die Nichtverlängerung der Genehmigung wurde ab diesem Zeitpunkt von den Regierungsvertretern in den Raum gestellt, Grundlage dafür war und ist unter anderem der Regierungsbericht über die Schule, der nach der fehlgelaufenen Inspektion erschienen war und deren übergriffiger Verlauf weiterhin abgestritten wurde. Wen wundert’s, dass der Bericht die Schule in denkbar schlechtem Licht darstellt!

Die Regierung wäre auch verpflichtet gewesen zu überprüfen, ob die Schule ihr Konzept überhaupt umsetzt. Dies ist nicht mal ansatzweise passiert! Weder war das Interesse, noch die nötige fachliche Kompetenz vorhanden. Keiner der Regierungsvertreter war je zuvor an einer demokratischen Schule! Eine Einladung zu einem Schulbesuch hatte unter anderem die Sudbury Schule Jerusalem ausgesprochen, mit der die Sudbury Schule Ammersee eine enge Verbindung hat.

 

Schüler lernen mit Freude und aus innerer Motivation heraus

Hauptvorwurf ist jetzt, dass an der Sudbury Schule Ammersee nicht genug gelernt werde. Rüdinger-Wagner sagt: „Wir haben in den zwei Jahren ganz was anderes gesehen. Schüler, auch solche, die an ihren vorherigen Schulen große Probleme hatten, kommen zu sich, entwickeln wieder Freude am Lernen und lernen aus dieser Motivation heraus unglaublich viel. Wir erleben jeden Tag, welche Kraft das selbstbestimmte Lernen hat!“

Die Sudbury-Gründerin weist noch auf einen anderen Aspekt hin, nämlich auf den oft vergessenen Artikel 131 der Bayrischen Verfassung, in dem unter anderem steht: „(1)Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. (2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne. (3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.

Gerlinde Rüdinger-Wagner fragt: „Kein einziges Mal hat die Regierung darauf geguckt, ob wir dieses oberste Bildungsziel erfüllen! Ganz offenbar werden diese Sätze der Bayrischen Verfassung lediglich als Floskeln oder launige Einführung behandelt. Wir nehmen diese Werte absolut ernst!“

 

Generalkonsul des Staates Israel und Präsidentin des Bayrischen Lehrerverbandes gehören zu den Unterstützern

Eltern, Schüler, zahlreiche Wissenschaftler und kompetente Besucher der Schule sehen, dass an der Sudbury Schule großartige Arbeit geleistet wird! Zahlreiche Eltern haben an die Regierung geschrieben und die positive Entwicklung ihrer Kinder im Laufe der zwei Jahre geschildert. Aufschlussreiche, berührende Berichte! Die wissenschaftliche Begleitung kommt nach zweijähriger Untersuchung ebenfalls zu dem Schluss, dass an der Schule hoch erfolgreich gearbeitet wird und nationale sowie internationale Bildungsexperten stellen sich mit Nachdruck hinter die Schule. Zu den Unterstützern gehören unter anderem Simone Fleischmann, Vorsitzende des bayrischen Lehrerverbandes, Dan Shaham, Generalkonsul des Staates Israel, der gemeinsam mit der Schule, dem Landratsamt und dem SOS-Kinderdorf Ammersee einen Demokratieworkshop für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ins Leben gerufen hat, die Bildungsexperten Ulrich Klemm und Gregor Lang-Wojtasik, das Forum Bildungspolitik, internationale Experten wie der Wissenschaftler Peter Gray. Das Forum Bildungspolitik und die Initiativen BFAS und „Schule im Aufbruch“ stehen hinter der Sudbury Schule Ammersee.  Auch der Verband bayrischer Privatschulen in Bayern unterstützt die Schule ganz wesentlich! Die internationale Sudbury-Bewegung war entsetzt von den Nachrichten aus Bayern.

Trotz allem: Am heutigen ersten Schultag wird die Sudbury Schule Ammersee geschlossen bleiben! Auch, wenn die gesamte Schulgemeinschaft alles daran setzen wird, sie sobald wie möglich wieder zu eröffnen.

Mit einer großen Demo werden Schüler, Eltern, Mitarbeiter, Freunde und Unterstützer heute Mittag um 13.00 Uhr vor dem Kultusministerium in München protestieren (s.Aufruf): Für den Erhalt ihrer Schule, die viele Schüler in den Ferien regelrecht vermisst haben; manche konnten es kaum erwarten, dass endlich wieder Schule ist!

Vielleicht sind es ja auch solche Aussagen, die der Regierung Angst machen!

Tägliches Treffen am Feuer

Ab dem heutigen Tag wird die Schulgemeinschaft täglich um 18.30 Uhr zu einem Treffen am Feuer im Schulgarten zusammenkommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen und sich als Gemeinschaft zu stärken. Unterstützer und Vertreter der Medien sind herzlich eingeladen, sich dem Treffen anzuschließen!  Bitte sagen Sie uns Bescheid, wenn Sie kommen möchten!

Die Sudbury Schule Ammersee ruft auf:

Bitte unterstützt uns!

Aktiviert Eure Netzwerke!

Spendet uns Geld!

Danke!!

 

Weitere Infos unter:  www.sudbury-schule-ammersee.de

Simone Kosog, 0171 1906752,  simone.kosog@sudbury-muenchen.de
Monika Wernz, 0176 32951459, monika.wernz@sudbury-muenchen.de

Zurück