Große Bestürzung!

Pressemitteilung

 

Schulgemeinschaft unter Schock

Nach zwei Jahren erfolgreicher Schulpraxis soll die Sudbury Schule Ammersee, die erste demokratische Schule Bayerns, geschlossen werden.

Die 45 Schüler, ihre Eltern, und die Mitarbeiter der Sudbury Schule Ammersee sind schockiert! Nach zwei Jahren erfolgreicher Schulpraxis hat die Regierung von Oberbayern den Betrieb der Sudbury Schule Ammersee nicht weiter genehmigt. Mit dem heutigen ersten Schultag darf die Schule nicht mehr geöffnet werden!

Der Entscheid der Regierung erreichte die Schule einen Tag (!) vor Beginn der Sommerferien. Unmittelbar darauf reichte die Schule gegen den Beschluss Klage ein. Jetzt, kurz vor Beginn des neuen Schuljahres, wurde der Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz vom Verwaltungsgericht München für die Schule überraschend abgelehnt! Die Schule erfuhr davon abermals erst einen Tag vor Schulstart. Die Regierung untersagte es ihr daraufhin unter Androhung einer Geldstrafe von 10 000 €, den Betrieb wieder aufzunehmen – auch, wenn das Hauptverfahren noch aussteht! Wann im Hauptverfahren entschieden wird, ist noch völlig unklar.

Schüler, Eltern und Mitarbeiter sind bis ins Mark getroffen! Die Schüler lieben ihre Schule, manche lernen hier zum ersten Mal glücklich und stressfrei, weil sie endlich ernst genommen werden, endlich mitbestimmen dürfen und als Menschen behandelt werden. Auf die Schulgemeinschaft wartet nun eine unglaubliche Herausforderung: Es ist absolut unklar, wie die Schule bis zum Hauptverfahren finanziell überleben kann, nachdem bereits seit August jegliche Zuschüsse von Seiten der Regierung eingestellt wurden. Familien müssen mit der unklaren Rechtssituation leben, die Mitarbeiter haben noch keine Ahnung, wie sie über die Runden kommen sollen. Sudbury-Gründerin Gerlinde Rüdinger-Wagner sagt: „Aufgeben ist für uns keine Option! Aber alleine schaffen wir das nicht, das ist uns völlig klar. Wir können jetzt nur um Unterstützung bitten: Bitte helft uns alle: Aktiviert eure Netzwerke, nutzt eure Kontakte, unterstützt uns finanziell!“

Die Entscheidung der Regierung ist für sie vollkommen unverständlich, gerade in diesen Zeiten, in denen gelebte Demokratie und demokratische Werte wichtiger denn je sind. An der Sudbury Schule Ammersee ist Demokratie kein Unterrichtsfach, sondern gelebte Praxis. Schüler und Mitarbeiter entscheiden gemeinsam über alle wichtigen Dinge. So wird demokratische Teilhabe in der Tiefe verstanden und praktiziert.

Auch das selbstbestimmte Lernen, wie es an der Sudbury Schule Ammersee und weltweit an Sudbury Schulen mit viel Erfolg praktiziert wird, soll von der Regierung ganz offensichtlich ausgebremst werden. Gerlinde Rüdinger-Wagner: „Wir haben unsere Schule immer auch als Bereicherung für Bayern gesehen. An der Sudbury Schule werden innovative, gleichwohl international bewährte Wege der Bildung gegangen, von denen die ganze Gesellschaft profitieren kann.“ In anderen Ländern werden diese Zeichen ganz offensichtlich verstanden. So haben Sudbury-Schulen in Frankreich geradezu eine Hoch-Zeit. In jeder größeren Stadt wurden und werden neue Sudbury-Schulen gegründet, insgesamt gibt es derzeit mehr als 30 Gründungsinitiativen für demokratische Schulen.

Das Bestreben der Regierung von Oberbayern, die Sudbury Schule Ammersee zu schließen, wird von den Mitarbeitern der Schule als Aufbäumen des Systems gegen neue Wege der Bildung gesehen, als strukturelles Ausbremsen einer Bewegung, denn auch in Bayern haben sich einige Gründungsinitiativen gebildet, die ebenfalls Sudbury-Schulen eröffnen wollen! In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele dafür, wie solche Innovationen und neue Ideen ausgebremst werden sollten – und sich letztendlich gegen massive Widerstände durchgesetzt haben.

Vorangegangen sind dieser Entscheidung mehrere Vorfälle:

Im April waren Regierungsvertreter zu einem Inspektionsbesuch an die Schule gekommen, der völlig aus dem Ruder lief: Zahlreiche Lernsituationen wurden völlig übersehen, stattdessen wurde nur nach klassischem Unterricht gesucht. Es wurden abfällige Bemerkungen über die Schule gemacht, die Schüler wurden in abwertender Weise ausgefragt, bis ein Schüler schließlich zusammengebrochen war.

Obgleich sich eine der Vertreterinnen anschließend entschuldigte, bestritt die Regierung ihr Fehlverhalten im Nachgang vehement! Die Schule erteilte dem betreffenden Beamten zum Schutz der Kinder unmittelbar ein Hausverbot. Zahlreiche Eltern sowie die Mitarbeiter der Schule reichten Dienstaufsichtsbeschwerde ein, teilweise gingen sie damit bis zur Regierungspräsidentin. Unglaublich: Fast alle dieser Beschwerden wurden von der betroffenen Behörde selbst beantwortet – und abgeschmettert. Kein einziges Mal wurde die Schule zu den Vorfällen gehört. Mitarbeiter, Eltern und Schüler waren fassungslos, wie hier mit den Rechten von Bürgern umgegangen wird! Die Strategie der Regierung erinnert an die eines totalitären Staates: Es wird beharrlich und wiederholt behauptet, dass nichts passiert sei. Solange, bis es alle glauben. Dabei kann eine gesamte Schulgemeinschaft bestätigen, wie katastrophal der Schulbesuch verlaufen ist. Hierzu gibt es detaillierte Aussagen zahlreicher Schüler und Mitarbeiter!

Danach verschärfte die Regierung ihren Ton zunehmend, wollte plötzlich die Schüler testen – ohne jegliche Vorbereitungszeit, ließ die Schule ihre Macht spüren. Nun wurde alles daran gesetzt, die Schule daran zu hindern, ihr genehmigtes Konzept umzusetzen – obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet ist und auch nur aufgrund eines „besonderen pädagogischen Interesses“ genehmigt werden konnte!

Auch die Regierung wäre verpflichtet gewesen zu überprüfen, ob die Schule ihr Konzept überhaupt umsetzt. Dies ist nicht mal ansatzweise passiert! Weder war das Interesse, noch die nötige fachliche Kompetenz vorhanden. Keiner der Regierungsvertreter war je zuvor an einer demokratischen Schule!

Hauptvorwurf ist jetzt, dass an der Sudbury Schule Ammersee nicht genug gelernt werde. Rüdinger-Wagner sagt: „Wir haben in den zwei Jahren ganz was anderes gesehen. Schüler, auch solche, die an ihren vorherigen Schulen große Probleme hatten, kommen zu sich, entwickeln wieder Freude am Lernen und lernen aus dieser Motivation heraus unglaublich viel. Wir erleben jeden Tag, welche Kraft das selbstbestimmte Lernen hat!“

Die Sudbury-Gründerin weist noch auf einen anderen Aspekt hin, nämlich auf den oft vergessenen Artikel 131 der Bayrischen Verfassung, in dem unter anderem steht: „(1)Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. (2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne. (3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.

Gerlinde Rüdinger-Wagner fragt: „Kein einziges Mal hat die Regierung darauf geguckt, ob wir dieses oberste Bildungsziel erfüllen! Ganz offenbar werden diese Sätze der Bayrischen Verfassung lediglich als Floskeln oder launige Einführung behandelt. Wir nehmen diese Werte absolut ernst!“

Eltern, Schüler, zahlreiche Wissenschaftler und kompetente Besucher der Schule sehen, dass an der Sudbury Schule großartige Arbeit geleistet wird! Zahlreiche Eltern haben an die Regierung geschrieben und die positive Entwicklung ihrer Kinder im Laufe der zwei Jahre geschildert. Aufschlussreiche, berührende Berichte! Die wissenschaftliche Begleitung kommt nach zweijähriger Untersuchung ebenfalls zu dem Schluss, dass an der Schule hoch erfolgreich gearbeitet wird und nationale sowie internationale Bildungsexperten stellen sich mit Nachdruck hinter die Schule. Zu den Unterstützern gehören unter anderem Simone Fleischmann, Vorsitzende des bayrischen Lehrerverbandes, Dan Shaham, Generalkonsul des Staates Israel, der gemeinsam mit der Schule, dem Landratsamt und dem SOS-Kinderdorf Ammersee einen Demokratieworkshop für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ins Leben gerufen hat, die Bildungsexperten Ulrich Klemm und Gregor Lang-Wojtasik, das Forum Bildungspolitik, internationale Experten wie der Wissenschaftler Peter Gray und der ehemalige Schulinspektor Derry Hannam, der schon die Summerhill School in England bei dem Kampf gegen ihre Schließung unterstützt hat – erfolgreich! Das Forum Bildungspolitik und die Initiativen BFAS und „Schule im Aufbruch“ stehen hinter der Sudbury Schule Ammersee.  Auch der Verband bayrischer Privatschulen in Bayern unterstützt die Schule ganz wesentlich! Die internationale Sudbury-Bewegung war entsetzt von den Nachrichten aus Bayern.

Trotz allem: Am heutigen ersten Schultag wird die Sudbury Schule Ammersee geschlossen bleiben! Auch, wenn die gesamte Schulgemeinschaft alles daran setzen wird, sie sobald wie möglich wieder zu eröffnen.

Mit einer großen Demo werden Schüler, Eltern, Mitarbeiter, Freunde und Unterstützer heute Mittag um 13.00 Uhr vor dem Kultusministerium in München protestieren (s.Aufruf): Für den Erhalt ihrer Schule, die viele Schüler in den Ferien regelrecht vermisst haben; manche konnten es kaum erwarten, dass endlich wieder Schule ist!

Vielleicht sind es ja auch solche Aussagen, die der Regierung Angst machen!

 

Weitere Infos unter:

www.sudbury-schule-ammersee.de

Simone Kosog, 0171 1906752,  simone.kosog@sudbury-muenchen.de

Monika Wernz, 0176 32951459 monika.wernz@sudbury-muenchen.de

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