Benefiztag für Freiheit und Demokratie

 

Hochkarätige Bildungsexperten und zahlreiche Zuschauer diskutieren und feiern für die Wiedereröffnung der Sudbury Schule Ammersee

„Dies ist ein historischer Tag! Ich glaube, dass wir an einem Wendepunkt stehen und demokratische Schulen wie die Sudbury Schule in zehn Jahren ein ganz selbstverständlicher Teil unserer Bildungslandschaft sein werden!“ 

 

Es war Yaacov Hecht, der diese optimistischen Worte während der Benefizveranstaltung für die Sudbury Schule Ammersee am Samstag aussprach. In seiner Heimat Israel hat Hecht vor dreißig Jahren in Hadeira die erste demokratische Schule des Landes gegründet. Inzwischen hat er mehrere Regierungen in Bildungsfragen beraten und Projekte wie „Education City“ ins Leben gerufen, bei denen ganze Städte in Bildung mit einbezogen werden. In Israel seien Demokratische Schulen längst Teil des Alltags, betonte Hecht. „Fragen Sie einen Taxifahrer und er wird eine Meinung dazu haben!“

Zahlreiche Besucher aus der Region und ganz Deutschland waren bei bestem Wetter zu der Veranstaltung gekommen, zu der die Sudbury Schule sowie weitere Gründungsinitiativen Demokratischer Schulen aus Bayern eingeladen hatten. An Demokratischen Schulen fällen Schüler und Mitarbeiter alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam. Schüler entscheiden selbst, was, wann und wie sie lernen.  

Die Sudbury Schule Ammersee war Ende letzten Jahres von der Regierung von Oberbayern geschlossen worden. Seitdem engagiert sich die Schulgemeinschaft mit aller Kraft für ihre Wiedereröffnung. Sie hat vor dem Kultusministerium demonstriert, einen internationalen Solidaritätstag ins Leben gerufen, war in Fernseh-und Radiosendungen vertreten, wurde in Presseartikeln besprochen, hat immer wieder auch das Gespräch mit dem Ministerium und der Regierung gesucht.  Viele Unterstützer aus der Politik, dem Bildungsbereich und auch aus der Region haben geholfen. 

Und nun also die Benefizveranstaltung.  Die Besucher erlebten eine Reihe hochkarätiger Bildungsexperten.  Hauptredner war neben Yaacov Hecht der Entwicklungspsychologe und Spiel-Experte Peter Gray aus Boston. Er schilderte seine Forschungen mit Jäger- und Sammler-Kulturen, in denen die Kinder altersgemischt und aus eigenen Stücken alle nötigen Fähigkeiten spielerisch erworben hätten. Auch heute seien Kinder in der Lage, sich selbständig das nötige Wissen anzueignen, das für unsere Gesellschaft erforderlich sei. Gray sprach besorgt über die Tendenz, dass Kinder kaum noch freie Zeit hätten und mehr und mehr von Erwachsenen kontrolliert würden. „Eine der Folgen: Depressionen nehmen zu.“

Weitere Gäste waren der ehemalige Schulinspektor Derry Hannam aus England, ehemalige Sudbury-Absolventen aus Dänemark und Israel, sowie Simone Fleischmann, die Vorsitzende des bayrischen Lehrerverbandes, Peter Hartkamp, Vertreter der Europäischen Vereinigung demokratischer Schulen (EUDEC) und  der Kabarettist Max Uthoff, bekannt aus der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“.

Letzteren hielt es während der Podiumsdiskussion im Happerger nicht mehr auf seinem Stuhl: Das Gespräch sei so spannend, dass er gerne auf seine eigene Redezeit im Anschluss verzichte und lieber mitdiskutiere. Moderator Stefan Hief winkte ihn kurzerhand nach oben und schon war Uthoff mittendrin, erklärte, dass er skeptisch sei, ob die Entwicklung wirklich so schnell ginge wie von Hecht skizziert. Sein Vorschlag: die Wirtschaft mehr mit einbeziehen, denn hier seien ja Fähigkeiten wie sie an der Sudbury Schule hervorgerufen werden gefragt. Zum Beispiel Kreativität, Eigenaktivität oder Teamgeist.

Auch Simone Fleischmann betonte, dass noch einiges zu tun sei. Sie wisse genau, was Minister Spänle sagen werde, wenn sie ihn auf das Thema „Demokratische Schulen“ anspreche: Man habe genug Zeit im Lehrplan für Unterricht zum Thema Demokratie eingeplant! Die Experten auf dem Podium waren sich einig, dass dies nicht reicht. Der ehemalige Schulinspektor Derry Hannam brachte es auf den Punkt: „Wenn man Kinder auf die Demokratie vorbereiten möchte, muss man ihnen Gelegenheit geben, Demokratie ganz praktisch im Alltag zu leben. Es gibt zig Studien, die das belegen.“

Gerlinde Rüdinger-Wagner, Vorstandsmitglied der Sudbury-Schule, und Charlott Annemann, betroffene Mutter, schilderten eindrucksvoll, welche dramatischen Folgen die Schulschließung für einzelne Schüler hat und wie belastend die Situation für die Familien ist. Das Publikum war sichtbar berührt.  Rüdinger-Wagner betonte außerdem, dass es neue Wege brauche, wenn man wirklich an Innovation in der Bildung interessiert sei. Aktuell sei die Schule in Gesprächen mit dem Ministerium und der Regierung und man hoffe sehr, im September wieder eröffnen zu können.

Netanel Maeir, ehemaliger Sudbury-Absolvent aus Jerusalem, schließlich nahm Bezug auf einen typischen Einwand: Nicht jedes Kind könne mit Freiheit umgehen. Seine Antwort: Auch viele Erwachsene können das nicht! „Wenn uns Freiheit so wichtig ist, sollten wir den Kindern die Möglichkeit geben, den Umgang damit in einem geschützten Rahmen zu erlernen! Genau das passiert in Sudbury-Schulen!“

Der Tag war von den Ludenhausener Böllerschützen lautstark und traditionsreich eröffnet worden und endete am Abend mit einem enthusiastischen Konzert der Band Mbollo aus dem Senegal. Auch viele Schüler hatten Showeinlagen, vom Trompetensolo bis zu Breakdance beigetragen  - der passende Rahmen für eine Veranstaltung, bei der es um Vielfalt geht, um Toleranz und Miteinander. Viele Gäste hatten intensiv teilgenommen und waren begeistert, so dass irgendwann regelrecht Festivalstimmung aufkam. Eine Besucherin, die eigens aus Düsseldorf gekommen war,  verabschiedete sich mit den Worten: „Von mir aus könnt ihr sowas alle drei Monate machen. Danke für die tolle Veranstaltung!“ 

Zurück