Offener Brief von Noé Furon

Mindestens 3.000 Menschen wollen selbstbestimmtes Lernen an Demokratischen Schulen in Bayern1. Stehen Sie ihnen nicht im Weg!

Sehr geehrter Herr Staatsminister Dr. Spaenle,

ich bin schockiert zu lesen, mit welcher Vehemenz ihre Regierung agiert, damit die zwangsweise geschlossene Sudbury Schule Ammersee auch weiterhin geschlossen bleibt.

Mein Name ist Noé Furon und ich gehöre zu einer von mehreren Schulgründungsinitiativen bundesweit, die sich dafür einsetzt, eine freie demokratische Schule zu eröffnen.
Ich schreibe hier für alle, die in dieser Schule eine Vorreiterrolle sehen. Das sind nicht nur die Gründer von freien demokratischen Schulen, sondern mindestens 3.000 Menschen
1, die hinter dieser Schule stehen.

Sehr geehrter Herr Staatsminister, zunächst hat Ihre Regierung das Konzept der Sudbury Schule Ammersee im Juli 2014 genehmigt. Sie hat dem Konzept, dass Lernen als ein natürlicher Prozess mitten im Leben stattfinden soll, zugestimmt. Knapp zwei Jahre später wurden von Ihnen Schulinspektoren in diese Schule geschickt, die gegenüber den Schülern so eindringlich und übergriffig waren, dass sogar einer von ihnen aufgrund der Befragung zusammenbrach. Warum haben die Inspektoren nachträglich nach einem „richtigen Unterricht“ gesucht2? Im genehmigten Schulkonzept wurde bereits dargelegt, dass und inwiefern die bayrischen Bildungsstandards ohne Unterricht im klassischen Sinne erreicht werden können.

Sehr geehrter Herr Staatsminister, Ihre Regierung hat die Sudbury Schule Ammersee kurz nach der Schulinspektion geschlossen, weil sie der Meinung ist, es werde an der Schule nicht genug gelernt. Ich kann nachvollziehen, dass Ihre Regierung solch einem Konzept erst einmal skeptisch gegenübersteht. Vielleicht beruht der Skeptizismus aber nur darauf, dass das Konzept und der Erfolg der Sudbury Schule noch nicht genügend verstanden wurde. Ich würde Ihnen gern zeigen, dass all die von Ihnen gewollten Bildungsstandards an der Sudbury Schule Ammersee erreicht werden können. Darüber hinaus profiliert sie sich durch weitere Punkte, die ebenfalls in Ihrem Sinne sein könnten:

1. Zuerst möchte ich Sie daran erinnern, dass entgegen Ihrer Behauptung Bildung, wie sie an der Sudbury Schule Ammersee praktiziert wird, KEIN Experiment ist. Da das ausgereifte, durchdachte und vielfach erprobte Sudbury-Konzept knapp 50 Jahre alt ist und an mehr als 60

1 Siehe https://weact.campact.de/petitions/demokratie-fur-sudbury-1
2 Die Schulgemeinschaft kann von Äußerungen wie „Woanders lernst du doch besser!“ und „Das war doch kein richtiger Unterricht!“ berichten.

Noé Furon

Hamburg

Noé Furon · Hamburg

Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle
Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
Salvatorstraße 2

80327 München

Hamburg, 23.12.2016

2

Schulen weltweit angewendet wird, wurden etliche Absolventen-Studien durchgeführt. All diese Studien haben gezeigt, dass die Schule als Bildungseinrichtung gut funktioniert3.

  1. Wenn Ihre Regierung meint, dass nicht genug gelernt werde, dann übersieht sie vermutlich, dass das Lernen an Sudbury-Schulen immer und überall stattfindet, auch wenn eine Vielzahl von Lernprozessen von außen nicht gleich ersichtlich ist.
    Wenn ich Ihnen sage, dass ein Schüler der Sudbury Schule Ammersee plötzlich lesen kann, ohne dass er dies aktiv geübt hat, werden Sie wahrscheinlich an einen Zufall oder an eine Ausnahme denken. Doch die langjährige Erfahrung aus der Sudbury Valley School zeigt, dass sich ALLE Schüler das Lesen im eigenen Tempo beibringen; noch dazu entwickeln sie keine Lernstörungen wie Dyslexie
    4. Und dies gilt nicht nur für das Lesen, sondern auch für das Schreiben und das Rechnen. Sehr geehrter Herr Staatsminister, wie erklären Sie es sich, dass bei keinem einzigen dieser Kinder Dyslexie festgestellt wurde? Diese Lernstörung betrifft immerhin 5 bis 17% der Gesamtbevölkerung.

  2. Sehr geehrter Herr Staatsminister, was soll an Schulen gelernt werden? Reicht die Vermittlung von Fachwissen, um die Kinder gut auf die Zukunft vorzubereiten? Ist die Aneignung von Werten wie Freiheit, Toleranz, Demokratie oder noch Gleichberechtigung wie im Art. 2 Abs. 1 BayEUG5 definiert nicht mindestens genauso wichtig?

    Die Sudbury-Schüler lernen mehr als an klassischen Schulen über das Fachwissen hinaus. Sie lernen und praktizieren es, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben, respektvoll und tolerant miteinander umzugehen, demokratische Werkzeuge zu nutzen. Sie lernen sich selbst kennen, sind kreativ, finden Lösungen, übernehmen Verantwortung alles, was in dieser Zeit so dringend gebraucht wird.

  3. Sehr geehrter Herr Staatsminister, sogar „schwierige Kinder“, die die Sudbury Schule Ammersee aufgenommen hat, können diesem Schulkonzept etwas Positives abgewinnen. Ich spreche hier von Schulverweigerern, von Kindern mit dem Asperger Syndrom und von Kindern mit Lernstörungen. Diese Kinder sehen in der Sudbury Schule eine Schule, an der sie sich sicher und angenommen fühlen. Sie haben die Freude am Lernen wiederentdeckt. Sind Sie sicher, dass Inklusion an öffentlichen Schulen genauso gut gelingt?

Sehr geehrter Herr Staatsminister, ich habe Ihnen einige Fragen gestellt und hoffe, dass das Lesen dieses Schreibens noch mehr Fragen bei Ihnen aufgeworfen hat.
Diese Fragen sind notwendig und müssen geklärt werden. Dafür stehen Ihnen mehrere Experten Demokratischer Bildung zur Verfügung, die nur darauf warten, dass Sie einen Schritt in ihre Richtung machen. Tun Sie bitte diesen Schritt und nehmen Sie Kontakt auf.

Sehr geehrter Herr Staatsminister, geben Sie der Sudbury Schule Ammersee eine faire Chance und geben Sie den Kindern zurück, was sie sich am meisten wünschen6: ihre Schule!

Mit freundlichen Grüßen

Noé Furon

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