Petition

Wiedereröffnung der Sudbury Schule Ammersee 

22.11.2017



In vielen deutschen Bundesländern sind Demokratische Schulen* bereits seit vielen Jahren Realität. Die Neue Schule Hamburg, die sich am Sudbury Konzept orientiert, feierte dieses Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum. Die 1989 gegründete Freie Schule Leipzig leistete in Deutschland die Pionierarbeit, gefolgt von inzwischen rund 20 weiteren Schulen* in Deutschland. Aktuell haben in diesem Jahr weitere Demokratische Schulen in Hamburg und Sachsen eröffnet.


In Israel sind Demokratische Schulen nach 30 Jahren etablierte Bildungseinrichtungen und nicht wegzudenken aus einer pluralistischen Bildungslandschaft. Mittlerweile sind auch Sudbury Schulen in Israel staatliche Schulen. Aus einer Studie, initiiert durch die Regierung Israels, ist die Sudbury Schule Jerusalem als friedlichste Schule hervorgegangen.

Weltweit gibt es über 200 Demokratische Schulen*.


Trotz der wachsenden Bewegung weltweit sowie in Deutschland verhindert der Freistaat Bayern Demokratische Schulen.


Die Sudbury Schule Ammersee (im folgenden auch SbA genannt) wurde in Bayern als erste und bislang einzige Demokratische Schule im Jahr 2014 nach neunjähriger Vorarbeit genehmigt und nach nur 2 Jahren im Sommer 2016 von der Regierung von Oberbayern geschlossen. Stellungsnahmen von Bildungsexperten und Forschungsergebnisse standen im eklatantem Widerspruch zu dieser Entscheidung, die sich im Wesentlichen auf einen zweistündigen Inspektionsbesuch stützte. Mangelnde Fachkenntnis der Sachbearbeiter über ein international bewährtes Konzept und das Misstrauen in den Erfolg von selbstbestimmter Bildung von Seiten der Regierungsvertreter haben dabei entscheidend mitgewirkt.


Die Schließung hatte verheerende Auswirkungen auf die gesamte Schulgemeinschaft. Ein erfolgversprechendes, innovatives Schulprojekt wurde im Keim erstickt.

 

Folgende Punkte möchten wir hier deutlich benennen (Beschwerdegründe):

 

  • Renommierte internationale Wissenschaftler* (Universität Boston/USA, Universität Tel Aviv, Universität Minnesota/USA, Universität London, Pädagogische Hochschule Weingarten, Universität Basel/Schweiz, Universität Augsburg) auch vielfältige Bildungsexperten aus Bayern und England (u.a. vom Forum Bildungspolitik, Schulräte,) besuchten die SbA. Die Schule wird in den Berichten als ein erfolgreiches Bildungs-Pionierprojekt beschrieben. Experten von Sudbury Schulen weltweit unterstützten die Sudbury Schule Ammersee in ihrer Aufbauarbeit.
  • Die Sudbury Schule Ammersee hat die Genehmigungsauflagen einer engmaschigen wissenschaftlichen Begleitung und aufwendigen Dokumentation erfüllt. Die Regierung ignorierte die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung und erkannte diese und die Dokumentationen nicht an.
  • Die wissenschaftliche Begleitung kostete die Schule 30 000 Euro. Die Wissenschaftlerin war insgesamt über mehrere Monate an der Schule. Die Ergebnisse waren aussagekräftig dahingehend, dass der SbA eine konsequente und sehr erfolgreiche Umsetzung des genehmigten Sudbury Konzepts bescheinigt wurde. In den Berichten der Wissenschaftlerin wird sehr konkret auf das Erreichen von Bildungsstandards eingegangen. Sie zeigt auf, wie die Bildungsstandards im alltäglichen Leben erreicht werden können und erreicht werden.
  • Trotz wissenschaftlicher Begleitung und einer Vielzahl an Expertenaussagen wurde aufgrund einer ca. 2 stündigen Begutachtung des Schulalltages die Schließung im Ablehnungsschreiben zusammenfassend damit begründet, dass die Sudbury Schule Ammersee das genehmigte pädagogische Konzept nicht umgesetzt habe. Zudem wird der Schule vorgeworfen, dass hier nicht ausreichend gelernt würde. Auch dies steht in eklatantem Widerspruch zu den Aussagen von Pädagogen, Bildungsexperten, Wissenschaftlern, Schülern und Eltern.
  • Nachweislich hat das Inspektorenteam keinerlei Fachkenntnisse über Demokratische Schulen. Eine Demokratische Schule wurde zuvor noch nie besucht. Moderne psychologische, neurobiologische und auch pädagogische Erkenntnisse unterstützen die Sichtweise des Lernens an der Sudbury Schule. Auch hier hätte die Möglichkeit bestanden, sich fachkundig zu machen. Zudem wurden sämtliche Berichte von Bildungsexperten, die die Schule besucht haben, ignoriert bzw. die Regierungsbeamten haben sich über die teils gewichtigen Aussagen der Fachleute hinweggesetzt.
  • Viele Elternberichte, auch Therapeuten- und Arztberichte, bestätigen den Erfolg der Sudbury Schule Ammersee. Einige Schüler hatten, nachdem sie zuvor aus unterschiedlichen Gründen teils über Jahre keine Schule besuchen konnten, wieder Lernfreude entwickelt. Zudem bestätigen die Berichte, dass sich Schüler mit Diagnosen wie Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS, Asperger Syndrom … sehr positiv entwickelt haben. Diese Berichte wurden alle ignoriert.
  • Die SbA sowie deutsche und internationale Bildungsexperten haben der Regierung von Oberbayern mehrfach kompetente Unterstützung anboten, um Transparenz zu gewähren, Fachwissen weiterzugeben und beratende Funktionen einzunehmen. All dies wären Möglichkeiten gewesen, sich seitens der Schulinspektoren dem für Bayern neuen Schulkonzept anzunähern und die nötige Kompetenz zu erwerben, um die Umsetzung des Konzeptes und die Entwicklung der Schüler sachgemäß beurteilen zu können. Sämtliche Angebote wurden ausgeschlagen.
  • Die unangekündigte Inspektion wurde von der Schulgemeinschaft als respektlos und grenzüberschreitend empfunden, die Schulgemeinschaft war regelrecht schockiert. Ein Schüler ist aufgrund der Befragung durch einen Schulbeamten zusammengebrochen. Das genehmigte pädagogische Konzept wurde seitens der Beamten zudem komplett übergangen. Die Regierungsbeamten sind ihrer Verpflichtung, zu überprüfen, ob das Konzept umgesetzt wird, nicht nachgekommen. Entsprechende Fragen wurden hier nicht gestellt. Stattdessen wurde die Schule ausschließend nach für Regelschulen geltenden Maßnahmen beurteilt, was den Gesetzen widerspricht: Privatschulen müssen den Regelschulen gleichwertig, aber keinesfalls gleichartig sein.
  • In dieser zugespitzten, konfliktgeladenen Situation forderte die Regierung plötzlich, die Schüler sollten sich Leistungstests stellen, für den sie nicht einmal eine angemessene Vorbereitungszeit bekommen hätten. Aufgrund des inzwischen zutiefst zerrütteten Verhältnisses wurde an diesen nicht teilgenommen. Die Schule war und ist überzeugt, dass es hier nicht um eine faire und objektive Überprüfung ging, sondern, dass die Schule bewusst negativ dargestellt werden und der Weiterbetrieb gezielt verhindert werden sollte.
  • Zwölf Dienstaufsichtsbeschwerden von Eltern über den katastrophalen Schulbesuch wurden unter den Tisch fallen gelassen. Bearbeiter der Beschwerden waren die Beamten selbst, denen die Beschwerden galten bzw. ihre Kollegen.
  • Die erneuten Verhandlungen um eine Wiedereröffnung mit dem Kultusministerium und der Regierung von Oberbayern in diesem Jahr sind leider gescheitert. Alle Angebote der SbA, die ein hohes Maß an Transparenz geboten hätten – eine engmaschige Begleitung der Schule durch Schulräte, eine professionelle Begleitung durch das Centrum für angewandte Politikforschung der LMU sowie ein schulbegleitender Austausch mit Experten aus Israel und weitere Angebote wurden abgelehnt. Es wurde von der Schule gefordert, ihre Satzung zu ändern und die selbstbestimmte Bildung, die wichtigste Säule der Schule, aus dem Konzept zu nehmen.

 

 

Aufgrund dieser Fakten fordern wir…

 

  • …die intensive Untersuchung des Verfahrens und Aufdeckung des schädigenden Verhaltens der Regierungsbeamten. Die Dienstaufsichtsbeschwerden müssen ernst genommen werden und von unabhängiger Instanz untersucht werden. Regierungsbeamten, die hier ihre Macht missbraucht haben und mit Willkür vorgegangen sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Wir fordern einen Sachbearbeiterwechsel.
  • …eine Auseinandersetzung mit und die vollständige Anerkennung von wissenschaftlichen Studien, Gutachten der Experten, die die Schule besucht haben und des wissenschaftlichen Beirates sowie der Stellungnahmen von Ärzten und Therapeuten.
  • …der Sudbury Schule Ammersee ihr Recht auf gleichwertige Bildung in vollem Umfang zuzugestehen und die Gesetze einzuhalten. „Private Schulen dienen der Aufgabe, das öffentliche Schulwesen zu vervollständigen und zu bereichern. Sie sind im Rahmen der Gesetze frei in der Entscheidung über eine besondere pädagogische, religiöse oder weltanschauliche Prägung, über Lehr- und Erziehungsmethoden, über Lehrstoff und Formen der Unterrichtsorganisation.“ Art 90, BayEug
  • …dass Schulräte/Inspektoren/Sachbearbeiter die Rechte von Privatschulen in Gänze anerkennen. Sie müssen über ein umfassendes pädagogische Verständnis und Einordnungsvermögen sowie Fachkenntnis über Lernmethoden und verschiedene Schularten verfügen, um das Recht auf eine pluralistische Bildungslandschaft und Vielfalt zu ermöglichen und wertzuschätzen. Entsprechend sind Schulungen und Inspektionsverfahren zu entwickeln, die den unterschiedlichen pädagogischen Herangehensweisen angemessen sind.
  • … dass in einer Zeit, in der Schulen und Lehrer sich kontinuierlichen Evaluationen stellen müssen, auch die Kontrollbehörden selbst überprüft und evaluiert werden. Aktuell gibt es hier nicht einmal Stellenprofile für Schulräte und Regierungsbeamten in Schulämtern, sondern lediglich vage, sehr allgemeine Beschreibungen. Es braucht festgeschriebene Stellenprofile sowie transparente Standards, die die fachliche Kompetenz der Kontrollbehörden sicherstellen. Auch Art.130 des BayEug legt fest, dass die Schulaufsicht von „fachlich vorgebildeten Beamten“ ausgeübt werden muss.
  • …bezüglich der Vergleichbarkeit mit dem Regelschulsystem, dass der Artikel 131 der Bayrischen Verfassung nicht einseitig auf leistungsorientierte Wissensaneignung reduziert wird, sondern wieder seinem ursprünglichen ganzheitlichen Ansatz entsprechend anerkannt und mit Leben gefüllt wird. Hier geht er um Werteorientierung, Demokratiebildung, Stärkung der Sozialkompetenz – Eigenschaften, die in der heutigen Zeit dringend erforderlich sind. Auch der LehrplanPlus, der für Regelschulen bindend ist, erklärt diese Orientierung für bindend.
  • …die Fehlentscheidung einer „Nicht-Weitergehmigung“ zu revidieren und die konkreten Maßnahmen der Sudbury Schule Ammersee (Schulbegleitung, Kooperation mit Experten demokratischer Bildung, Begleitung durch das Centrum für angewandte Politikforschung de LMU, Kooperation mit Israelischen Sudbury-Schulen), welche im Neuantrag der Sudbury Schule Ammersee von 2017 vorgeschlagen wurden, als Angebot für mehr Transparenz und Kooperation aufzunehmen.
  • …bezüglich der Rufschädigung der Sudbury Schule Ammersee eine Klarstellung in der Öffentlichkeit, dass mit der Schließung fahrlässig und verantwortungslos umgegangen wurde.
  • ...einen Ausgleich für die finanzielle Schädigung der Sudbury Schule Ammersee.

 

 

* Definition demokratischer Schulen durch die EUDEC
https://www.eudec.org/Aims
* Mitgliedschulen der EUDEC
https://www.eudec.org/Member+Schools
* Demokratische Schulen weltweit
http://www.educationrevolution.org/store/findaschool/democraticschools/
*Wissenschaftlicher Beirat der Sudbury Schule Ammersee
http://www.sudbury-schule-ammersee.de/wissenschaftlicher-beirat.html

 

Diese Petition steht am 8.2. 2018 auf der Tagesordnung des Bildungsausschusses

Zurück