Wie geht es den Schülern?

Die Situation ist für die ganze Schulgemeinschaft sehr belastend. Jede Familie geht hier ihren ganz eigenen Weg. Die Schulgemeinschaft steht auch, nach einem Jahr der Schließung, zusammen. 

Eine Schülerin sagt: „Wir lieben unsere Schule. Warum versteht ihr nicht, dass wir hier lernen wollen?“ Zwei weitere Schüler haben bei Demonstrationen auf ein Plakat geschrieben: „Die Schule unserer Wahl wird geschlossen... Demokratie?“ Bei einer aktuellen Aktion haben die Schüler ein Plakat geschrieben: " Hört auf unsere Gemeinschaft kaputt zu machen..." 

Die Schüler sind über eine WhatsAppGruppe im regen Kontakt. Wöchentliche Treffen finden an der Schule satt. 

Wieso hat die Regierung der Sudbury Schule Ammersee erst einen Tag vor Ferienbeginn mitgeteilt, dass sie die Schule nicht weitergenehmigt? Hat die Schule hier Fristen versäumt?

Nein!
Der Antrag auf Weitergenehmigung wurde fristgerecht bis zum 31.03.2016 gestellt. Die Regierung hat zum spätestmöglichen Termin reagiert, der Schule blieb keinerlei Spielraum.

Auch das Verwaltungsgericht hat erst unmittelbar vor Schulbeginn entschieden, der Schule keinen vorläufigen Rechtsschutz zu gewähren. Wie ist das zu bewerten?

Für uns war dies ein Schock! Die ganzen Ferien über hatten wir uns bereitgehalten, zu einer eventuellen Anhörung geladen zu werden. Dass dann plötzlich eine so schwerwiegende Entscheidung aufgrund der Aktenlage getroffen wurde, hätten wir uns nie vorstellen können. Wir waren uns sicher, dass man uns zumindest anhört, bevor man eine ganze Schulgemeinschaft auseinanderreißt.
Die Nachricht erreichte uns einen Tag vor Schuleröffnung. Noch am gleichen Tag forderte uns die Regierung auf, bis 17 Uhr mitzuteilen, an welchen Schulen die Kinder nun angemeldet sind. Auch wurde uns bereits am ersten Tag ein Bußgeld von 10 000 € angedroht, sollten wir die Schule wieder aufmachen. Da wird mit einer unglaublichen Härte vorgegangen. Unterstützer und Experten aus ganz Bayern haben uns versichert, dass sie so etwas noch nie erlebt haben.

Die Vertreter der Regierung behaupten, dass die Schule Auflagen nicht eingehalten haben und Bildungsstandards nicht erreicht würden. Stimmt das?

Nein!
Die Schule hat sich an sämtliche Auflagen gehalten. Laut Genehmigungsbescheid muss sie nachweisen, dass sie in Bezug auf das Erreichen der bayrischen Bildungsstandards nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückbleibt. Dies wurde von Seiten der Schule für die Behörden ausführlich dargestellt und belegt:
 
1. haben wir detaillierte Berichte über die Lerninhalte und Lernfortschritte jedes einzelnen Schülers abgegeben. Von der Regierung waren hier immer wieder neue Forderungen gekommen, bis aber auch sie schließlich erklärt hatte, dass die Berichte formal wie inhaltlich ausreichend sind! Schriftliche Aussagen hierzu liegen vor. Aus den Berichten geht klar hervor, wie und welche Bildungsstandards durch selbstbestimmtes Lernen z.B. bei Lernverabredungen, durch informelles Lernen, vielfältige Projekte, Spielen, Teilnahme an demokratischen Prozessen oder Kommunikation erreicht werden. 


Betonen möchten wir, dass diese Art der Dokumentation für uns ein Kompromiss ist, den wir eingegangen sind. Wir haben den Behörden ausführlich dargelegt, wie und was alles an unserer Schule gelernt wird. Das ursprüngliche Sudbury-Konzept sieht keine Dokumentation und Beurteilungen von außen vor, es sei denn, die Schüler wünschen dies ausdrücklich. Wir respektieren die Privatsphäre der Schüler. Mit Genehmigung durch die Schüler (SV) erstellten wir die individuellen Berichte für die Behörden. 

Prinzipiell sehen wir, dass Lernen immer und überall stattfindet und eine Vielzahl von Lernprozessen von außen nicht einmal sichtbar ist. Beispielsweise konnte einer unserer Schüler plötzlich lesen, obwohl er dies nicht aktiv geübt hatte.
Das Sudbury-Konzept vertraut darauf, dass die Schüler alle Fertigkeiten erlernen, die wichtig sind, um in unserer Gesellschaft Erfolg zu haben. Lesen, Schreiben, Rechnen und viele andere Dinge gehören dazu.

 

2. hat sich die Sudbury Schule Ammersee wissenschaftlich begleiten lassen - auch dies war Bestandteil der Genehmigung. In den Berichten der Wissenschaftlerin wird sehr konkret auf das Erreichen von Bildungsstandards eingegangen. Sie zeigt auf, wie die Bildungsstandards im alltäglichen Leben erreicht werden und erreicht werden können. 


3. haben sich schon zwei Schülerinnen bei uns auf ihren Abschluss (Quali) vorbereitet und ihn auch erfolgreich an der Partnerschule in Rott abgelegt. Jetzt im ersten Schließungsjahr haben 3 weitere Schüler ihren Abschluss bestanden, zwei davon waren dieses Jahr nicht in der Schule und haben sich selbstbestimmt und selbständig darauf vorbereitet. 


4. gibt es sogar Schüler, die an der Sudbury Schule sehr viel leistungsfähiger sind, als an ihrer alten Schule. Manche sehen sich überhaupt erst wieder in der Lage, die Schule zu besuchen, nachdem es ihnen an ihrer vorherigen Schule aus unterschiedlichen Gründen schlecht ging, sie teilweise in psychologischer Behandlung waren. Auch begannen z.B. Schüler mit Diagnose "Legasthenie" und Lernblockaden, sich freiwillig wieder mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen. 

Für uns ist aber auch nicht stimmig, wenn Schule ständig auf das Lernen von Bildungsstandards reduziert wird. Für uns geht es bei Schule um viel mehr: um echte Selbst- und Mitbestimmungsrechte, um menschliches Wachsen und Gemeinschaft.

 

Muss sich die Regierung denn auch an Auflagen halten?

Die Sudbury Schule Ammersee konnte nur genehmigt werden, weil hier ein besonderes pädagogisches Interesse vorliegt. Die Regierung als Schulaufsichtsbehörde wäre in der Verantwortung gewesen zu überprüfen, ob die Schule dieses einhält. Dies ist nicht passiert.

Wichtige Aspekte des besonderen pädagogischen Interesses:
1. Demokratie als soziale Lebensform ( konsequent demokratische Strukturen, gleichberechtigte Teilhabe aller Schulmitglieder an der Entscheidungsfindung und allen Angelegenheiten die Schule betreffend, Schulversammlung als höchstes Organ)
2. Konsequente Selbstbestimmung und selbstbestimmtes Lernen 
3. konsequente Altersmischung aller „Jahrgangsstufen"
 
Hier hätte die Regierung Fragen wie diesen nachgehen müssen:

- Haben die Schüler wirklich ein gleichberechtigtes Stimmrecht bei allen
Entscheidungsfindungen? 
Entscheiden die Schüler wirklich über ihre Lerninhalte und Ziele, über Formen und Wege? 
Wie profitieren die Schüler in einer altersgemischten Umgebung voneinander, auch in Bezug auf die Bildungsstandards?

Wie finden Wahlen statt? Delegiert die Schulversammlung Aufgaben und verteilt Verantwortlichkeiten?  
Wie werden die Schüler von den Mitarbeitern unterstützt? Wie ist die Beziehung zwischen Schülern und Mitarbeitern?
Fördert die Schule all die sozialen Kompetenzen wie Teamfähigkeiten, Respekt, Solidarität, Toleranz, Konfliktlösungsfähigkeit?
Ist der Raum für intrinsisches wie informelles lernen gegeben und wird dieses unterstützt?

Keiner dieser Fragestellungen gingen die Regierungsvertreter nach. 

Was sagt das Kultusministerium zu der ganzen Sache?

Im Vorfeld der Schuleröffnung vor zwei Jahren hatte es ein Treffen im KuMi gemeinsam mit Regierungsvertretern, Vertretern der Schule und dem israelischen Experten für demokratische Bildung, Yaacov Hecht gegeben, den die Schulvertreter hierfür eigens aus Israel eingeladen hatten. Das Treffen war sehr konstruktiv und sowohl die Vertreter des Kultusministeriums als auch der Regierung waren damals sehr interessiert. 
Im Schließungsjahr haben wir eine Offenheit durch das Ministerium erfahren, sich mit uns auseinanderzusetzen. Auch wurde in den Verhandlungen der Vorschlag eines Schulversuchs mit eingebracht. Wir haben uns dann intensiv, auch rechtlich damit beschäftigt und ein Konzept ausgearbeitet, welches vorsah, den Schulstart von internationalen Wissenschaftlern sowie Forschern der LMU und staatlichen Inspektoren begleiten zu lassen. Das hochkarätige Team war bereits aufgestellt und könnte jederzeit wieder aktiviert werden. Mehr an Transparenz und Begleitung geht kaum – dennoch lehnten die Behörden erneut ab. Nähere Informationen Schulversuchsantrag 

 
Wie konnte es überhaupt zu dieser Eskalation kommen?

Die Schulgründer hatten unglaublich viel Zeit und Energie darauf verwendet, in Bayern überhaupt eine Sudbury Schule eröffnen zu können. Vom Zeitpunkt der Vereinsgründung bis zur Eröffnung der Schule sind neun Jahre (!) vergangen, in denen viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht wurde und auch die Kontakte zu den Regierungsvertretern gepflegt wurden.
Nachdem die Schule eröffnet hatte, herrschte noch Offenheit in der Regierung. Wie schon im Vorfeld schlugen die Schulgründer immer wieder Brücken und luden nationale wie internationale Vermittler ein. Darunter die Professoren Ulrich Klemm und Gregor Lang-Wojtasik sowie der britische Experte für demokratische Bildung, Derry Hannam. Nachdem es hier von Seiten der Regierung anfangs eine Bereitschaft zur Kooperation gab, änderte sich dieses gegen Ende des ersten Schuljahres. Was zu diesem Zeitpunkt passiert ist, ist nach außen unklar. Mag sein, dass die Regierungsvertreter der Mut verließ. Auch ein Sachbearbeiterwechsel spielt hier sicher eine große Rolle!
Die Regierung hat damals den Ton verschärft und es kam zu dem in der Pressemitteilung bereits geschilderten Schulbesuch, bei dem sich jener Vertreter völlig übergriffig und vorurteilsbehaftet verhalten hat. Es fielen Äußerungen wie „Woanders lernst du doch besser!“ und „Das war doch kein richtiger Unterricht!“ Ein Schüler brach aufgrund der Befragung sogar zusammen. Wir sahen uns nun gezwungen, vor der bisherigen Linie des Brückenbauens und Kompromisse-Schließens abzuweichen. Zum Schutz der Kinder handelten wir und erteilten ein Hausverbot für den betreffenden Mitarbeiter.
Den Schulvertretern war klar, dass dies ein einschneidender Moment war. Eltern schrieben an die 15 Dienstaufsichtsbeschwerden, die allerdings alle von der betreffenden Abteilung und ausdrücklich von den betreffenden Personen selbst beantwortet wurden!

Warum hat die Schule Tests abgelehnt?

Unmittelbar, nachdem wir als Schule dem Regierungsvertreter das Hausverbot erteilt hatten und nachdem die Dienstaufsichtsbeschwerden rausgegangen waren, erreichte uns die Forderung, dass wir die Schüler testen lassen sollen! 

Festzustellen ist: Das Konzept sieht keine Testungen vor. Dennoch ist die Schulgemeinschaft nicht prinzipiell gegen Testungen. In einer vertrauensvollen Atmosphäre hätten wir uns vorstellen können, dass Schüler hier freiwillig teilnehmen. Im aktuellen Zusammenhang waren die Tests jedoch eindeutig als Replik auf das Hausverbot zu sehen. Die Schulgemeinschaft hatte nicht das Vertrauen, dass hier fair mit den Schülern umgegangen würde. Zu diesem Zeitpunkt noch haben die Schul-Vertreter übrigens erneut vorgeschlagen, Derry Hannam, Schulinspektor aus England mit viel Erfahrung mit demokratischen Schulen, zum Gespräch und begleitend zu Schulbesuchen einzuladen. Hierauf wurde nicht eingegangen.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Gerichtsverfahren?

Nachdem die Regierung den Antrag auf Weitergenehmigung der Sudbury Schule Ammersee abgelehnt hatte, hat der juristische Vertreter der Schule Widerspruch eingelegt und außerdem einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz gestellt, mit dem Ziel, dass die Schule den Betrieb bis zum Hauptverfahren aufrecht erhalten kann. Dieser Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz ist nun vom Verwaltungsgericht abgelehnt worden. Das Hauptverfahren allerdings steht noch aus.
Auch gegen die Ablehnung des Antrags auf vorläufigen Rechtsschutz wurde bereits Beschwerde eingereicht, die innerhalb eines Monats begründet werden muss. Anschließend bekommt die Gegenseite Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Die Beschwerde wird vom Verwaltungsgerichtshof behandelt. Nach Einschätzung unseres Anwalts kann frühestens im November über diese Beschwerde entschieden werden. Das Hauptverfahren wird erst danach stattfinden, einen Termin hierfür gibt es noch nicht.

Was passiert aktuell?

Wir geben nicht auf! Täglich findet eine Mahnwache um 18.30 Uhr an der Schule statt. Am Feuer kommen die Schulgemeinschaft sowie Unterstützer und Medienvertreter zusammen. Unglaublich ist, welche Unterstützung von allen Seiten kommt: Filmemacher, Professoren, Bildungsexperten, Politiker, Freunde und Visionäre setzen sich mit uns für die Sudbury Schule Ammersee ein. Sie unterstützen mit Petitionen, Experten, Kontakten, aktivieren ihre Netzwerke.
Unser Ziel wäre es, möglichst schnell mit Vertretern der Regierung, des Kultusministeriums, Unterstützern und politischen Entscheidern zusammenzukommen – und so bald wie möglich die Schule wieder eröffnen zu können.

Weitere Informationen unter Aktuelles

Wieso kann Bayern von der Sudbury Schule Ammersee profitieren?

Wir gehen seit Jahren für Vielfalt in der Bildung. Die Sudbury Schule Ammersee möchte einen Beitrag in dieser pluralistischen Bildungslandschaft leisten.
Das selbstbestimmte, demokratische Lernen, wie es hier gelebt wird, wird an unserer Mutterschule, der Sudbury Valley School, seit 50 Jahren mit Erfolg praktiziert, auch in anderen Ländern wie Israel und Frankreich boomen Sudbury-Schulen und finden große Beachtung.
Sudbury-Schüler lernen, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben, respektvoll und tolerant miteinander umzugehen, demokratische Werkzeuge zu nutzen. Sie lernen sich selbst kennen, sind kreativ, finden Lösungen, übernehmen Verantwortung – alles, was in dieser Zeit so dringend gebraucht wird.
Und: Aus einer Studie der Sudbury Valley School ging hervor, dass fast alle Absolventen mit ihrem Leben zufrieden sind. Wer würde sich dies nicht für sein Kind wünschen?