Interview mit einer ehemaligen Schülerin – 30. September 2016

„Es liegt in der Natur des Menschen lernen zu wollen!“

Lisa* besuchte seit September 2014 die Sudbury Schule Ammersee. Jetzt hat sie erfolgreich ihre Quali-Prüfungen abgelegt.

 

Lisa, du hast gerade deine Quali-Prüfungen bestanden. Wie geht es Dir?

Gut! Ich freu mich!

Du hast ja schon genaue Pläne, wie es weitergehen soll.

Ich werde auf eine Goldschmiedeschule gehen. Ich hab schon die Zusage! Die haben jedes Jahr extrem viele Bewerbungen. Von 10 Bewerbern wird in der Regel einer genommen.

Vielleicht erzählst du kurz von deiner schulischen Laufbahn. Wie ging es dir, bevor du auf die Sudbury Schule kamst?

An meiner letzten Schule ging es mir schlecht. Ich wurde regelmäßig gemobbt. Irgendwann stand ich auf dem Fensterbrett des Mädchenklos im 3.Stock und wollte runterspringen. Danach konnte ich einfach nicht mehr in  die Schule gehen. Ich war dann fast zwei Jahre zu hause.

Wie war es dann, als du an die Sudbury Schule kamst?

Es war mir vorher zu Hause eigentlich gut gegangen, aber ich hab die Gemeinschaft vermisst. An der Schule habe ich mich von Anfang an ziemlich wohl gefühlt, es war herzlich, familiär. Ich hab mich viel eingebracht: Ich war die erste Schulversammlungsleiterin – eine große Aufgabe. Ich habe für die ganze Schule gekocht und war auch schon Vorsitze im Justizkomitee und Regelprofi – der ist dafür zuständig, die Gesetze der Schule zu kennen.  Man kann sagen, dass ich alle wichtigen Ämter mal hatte.

Welche Bedeutung hat das Justizkomitee für dich?

Eine große! Es gibt auch hier Käbbeleien und manche Leute machen Dinge, von denen ich sag: Das geht gar nicht! Aber es wird sich im Justizkomitee drum gekümmert.

Irgendwann, als ich 16 wurde, habe ich mich dann mehr damit befasst, was ich nach der Schule machen will, dann kam die Idee auf, Goldschmiedin zu werden. An der Schule habe ich mich gezielt damit beschäftigt: Ich habe eigene Ohrringe entwickelt, Dekorationen gemacht, einen Kurs für Perlenarbeiten angeboten.

Wie war es denn für dich, als du jetzt anfangen solltest, dich für die Quali-Prüfungen vorzubereiten?

Nicht sollte – wollte! Das ist der große Unterschied. Ich war motiviert und wollte den Abschluss unbedingt machen, das macht das Lernen unendlich viel leichter. Lange Zeit hatte ich gedacht: Das kann ich eh nicht, dafür bin ich viel zu blöd, aber in dem Moment, als es mir selber besser ging, habe ich mir auch wieder mehr zugetraut.

Wie bist du vorgegangen?

Die Mitarbeiter der Schule haben mir sehr geholfen. Wir haben Kontakt zur Partnerschule in Rott aufgenommen und haben uns informiert über den Stoff, Termine, Prüfungen. Ich habe dann bei uns in der Schule Verabredungen mit den Mitarbeitern getroffen und mich mit ihrer Hilfe auf den Quali vorbereitet.

Welches Fach war am schwierigsten?

Mathe! Da habe ich erst gedacht, das schaffe ich nie! Aber dann haben wir angefangen, den Stoff durchzuarbeiten und irgendwann fand ich den gar nicht mehr so schlimm. Bis ich schließlich sehr zuversichtlich war, dass ich die Prüfung schaffen werde.

Hattest du manchmal das Gefühl, überfordert zu sein?

Absolut! Wer hat das nicht mal? Es gab Tage, an denen ich mich psychisch nicht in der Lage fühlte zu lernen, aber es war mir immer klar, dass ich das durchziehe! Ich habe einfach weitergemacht. Meine Familie hat mich dabei unterstützt und die Mitarbeiter haben mich wiederaufgebaut.

Manche Menschen haben Zweifel daran, dass Schüler freiwillig und aus eigener Motivation genügend lernen. Was sagst du dazu?

Da sollte man sich wirklich keine Sorgen machen! Es liegt in der Natur der Menschen, dass wir neugierig sind und lernen wollen. Jedes Kind entwickelt Interessen und geht denen nach. Es ist doch was Tolles, Lesen und Schreiben zu lernen und ein Riesenerfolg, wenn man zum ersten Mal selbst etwas schreibt. Jeder will das! Aber Voraussetzung ist, dass es einem selbst gut geht.

Stand das für dich im ersten Schuljahr im Mittelpunkt? Dass es dir selbst wieder besser geht?

Ganz genau! Im ersten Jahr hätte ich nie mit meinem Quali anfangen können, das war erst jetzt möglich. Als es mir an meiner alten Schule schlecht ging, konnte ich auch nicht mehr lernen. Da gingen meine Noten in den Keller.

Was hast du sonst an der Sudbury Schule gelernt?

Ich hab gelernt, für mich einzustehen, meine Meinung offen zu sagen, mit der Gemeinschaft umzugehen und Verantwortung zu übernehmen, und ich habe mich selbst noch ein bisschen besser kennengelernt.

Das Interview führte Simone Kosog.
* Name der Schülerin geändert

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